In einem Branchen-Interview wurde er sogar noch deutlicher und hielt vielen Produktionsbossen ihre dicken Dienstwagen vor. In Zeiten, in denen Internetgiganten wie Google Fernsehrechte wahrnehmen und Streaming-Plattformen wie Hulu.com neue Vertriebskanäle eröffnen, wird die traditionelle Verwertungskette immer öfter hinterfragt. „Wo lange Jahre nur vier große Abnehmergruppen existierten, entstehen zunehmend neue potentielle Kunden“, bilanziert Houcken von Studio Hamburg. „Dies ist aus Lieferantensicht zunächst positiv zu bewerten.“ Dennoch haben sich noch kaum tragfähige Geschäftsmodelle entwickelt – vor allem nicht auf Seiten der Produzenten. „Die Grenzen zwischen Verwertungsplattformen und Veranstaltern verwischen“, erkennt auch Füting von ndf. Mit allzu euphorischen Geschäftsprognosen hält er sich aber zurück. „Das Internet hat die Realität in deutschen Produktionshäusern noch nicht wesentlich verändert“, sagt er: „Allerdings gewinnt die zusätzliche Verwertungsplattform enorm an Bedeutung.“ Auch Houcken hält den Ball demonstrativ flach: „Beim Großteil der neuen digitalen Verwertungswege handelt es sich schlicht um Distributions- und Auswertungsformen, die bisherige Strukturen wie zum Beispiel den Videoverleih substituieren.“
Und damit bedingen sie noch kein neues
Fernsehen: Dass die Senderfamilien, die eigenen zarten
Pflänzchen jenseits des klassischen Fernsehbusiness hegen
und pflegen und eifersüchtig gegen Geschäfts-Schädlinge
schützen wollen, ist nahe liegend. Neben wenigen
Ausnahmen – etwa das von Brainpool betriebene
MySpass.de – fehlen den Produzenten die finanziellen
Spielräume und entsprechendes Know-how, um
Abspielplattformen für eigene Rechte erfolgreich in den
Markt zu drücken.
Die eher verhaltene Einschätzung der neuen Marktchancen
teilt auch RTL-Mann Graf, der beklagt, dass der Ball doch
immer wieder zu den etablierten Sendern zurückgespielt
würde. Bislang investiere „kein einziger dieser Online
Auswerter nennenswert in die Inhalte-Branche“. Eine klare
Breitseite gegen Google und Co., die ohne eigene
Kreativleistung ins Fernseh-Territorium drängen. Houcken
bleibt skeptisch, ob sich in der digitalen Welt mit ihren eher
schlanken Produktions- und Vertriebswegen kurzfristig
neue Geschäftschancen eröffnen. „Kreative
Herausforderungen sind immer spannend“, betont er. „Der
Spaß ist aber dann am größten, wenn die Arbeit auch von
Erfolg gekrönt ist.“ —*